Pau (F)
Da unsere Kompanie bald eine KRK Kompanie werden sollte wurde uns die Ehre zu Teil an einer französisch-deutschen Übung teilzunehmen, ODAX. Da wir dort aus einer französischen Maschine springen sollten mußten wir zuvor das französische Springerabzeichen erwerben.
Am Montag, den 19.03.01 ging es nachdem wir um 03.00 geweckt wurden los. Wir verlegten mit den Busen nach Zweibrücken zum Flughafen und warteten dort im Schneeregen auf unsere beiden C-160 Transall. Nach deren Landung besetzten wir diese sofort und verstauten Rucksack und das (unnötige) Koppel unter unseren Sitzbänken. Wie immer vermittelte der Start und das Steigen ein wunderbares Gefühl. Auf unserer Reisehöhe ca. 7000ft waren wir von den tief-hängenden Wolken befreit und konnten schon die ersten Sonnenstrahlen genießen. Es wurde sehr rasch in der “Trall” ziemlich warm, so daß wir uns des Unterziehfutters und des Parkas entledigen konnten. Wir hatten noch eine Zwischenlandung in Toulouse, wofür auch immer, aber dadurch konnten wir nach sechs erfolgreichen Starts auch die erste erfolgreiche Landung überhaupt genießen. Der Aufenthalt war sehr kurz bemessen, also stiegen wir gleich wieder auf um wenig später auch schon wieder zu landen, in Pau in den Pyrenäen (Nähe der spanischen Grenze).
Es hieß für uns wieder erst einmal Unterziehfutter und Parka an bis der Hauptmann etwas anderes befiehlt. Ich sorgte für die erste Skepsis in dem ich sagte, “vielleicht sind wir gar nicht in Frankreich sondern in Mazedonien gelandet”. Zu dieser Zeit war nämlich gerade eine deutsche Kaserne in Tetovo unter Beschuß. Aber die französische Sprache verschaffte uns Gewißheit. Hätten wir die Franzosen verstanden hätten wir vermutlich gemerkt wie sie sich über unseren winterlichen, sagen wir sibirischen, Anzug lustig gemachte hätten. Diesen behielten wir nämlich noch bis zum Mittagessen an, da der Hauptmann nichts anderes befahl (er selbst war angemessen gekleidet!!). Die erste Mahlzeit in Frankreich war, trotz Maul-und-Klauen-Seuche, eine Wohltat zum Vergleich in Deutschland. Ich bin anscheinend kein glaubwürdiger Mensch, da man mir nicht abnahm, daß es in Frankreich zum Essen Rotwein gibt (zumindest für die Offiziere, aber zum Glück auch leicht zugänglich für uns). Aber letztlich mußten die anderen Kleinbeigeben und mir doch Recht geben.
Nach dem Essen hieß es Stuben belegen, und auf die “Bodenausbildung” vorzubereiten. Der Hauptmann befahl dann auch endlich “Sommer”, daß heißt wir konnten die Ärmel hochkrempeln und somit die ersten Sonnenstrahlen tanken. Die “Bodenausbildung” sah wie folgt aus:
- Vertrautmachen, Anlegen von Fallschirm und Reserve
- Verhalten nach dem Absprung (Überprüfen der Kappe, nach rechts und links eindrehen um Umschau zu halten, Ziehen der Reserve bei Versager/Fehlentfaltung, Kollision mit anderem Springer, Verdrehungen…. also am besten immer ziehen. Gezogen wird diese Reserve nach oben, dadurch springt vorne eine Feder ca. 4m weit heraus und zieht den restlichen Schirm hinterher, dann muß man nur noch nach hinten “slippen” und sie entfaltet sich vollends.)
- Bergen des Schirms (hier gibt es keine praktische Tragetasche, der Fallschirm muß komplett in seinen Verpackungssack gestopft werden, dies erfordert viel Übung und Geduld.)
Nach diesem schnellen Programm welches sich über den Montag-Nachmittag und den Dienstag-Vormittag erstreckte, und in dem eigentlich niemand so richtig ein Wort, alles auf französisch, verstanden hatte, ging es mit dem Sprungdienst los. Natürlich hatte jeder ein mulmiges Gefühl im Magen, da der Schirm vom Springer selbst überprüft wird. Dann hieß es nur noch warten auf den Start, da der Wind zu stark war verlegten wir wieder in die Kaserne und besichtigten dort das Fallschirmspringer-Museum, welches die Entstehung und den Gebrauch des Fallschirms in allen Kriegen genauesten erklärt. gegen 16.30 hieß es dann doch endlich der Wind ist schwach genug zu springen. Also fuhren wir wieder zu Flughafen, legten rasch das Gurtzeug an, besetzten die Trall und starteten in den französischen Himmel mit einer deutschen Transall, deutscher Crew, französischen Absetzern und französischen Fallschirmen. Im ersten Anflug wurde ein Dummy abgeworfen um zu testen wie sehr dieser abtreibt, danach mit je einem Anflug die Sprungreihen A/D und B/C. Es lief alles etwas hektischer ab bei den französischen Absetzern als bei den deutschen, aber nachdem man draußen war herrschte herrliche Ruhe am Schirm. Das besondere bei den Franzosen ist, daß ihr Schirm steuerbar ist, man kann also wunderbar in die richtige Richtung schweben wenn man möchte. Das Ziel ist es sich ab einer Höhe von 50m gegen den Wind einzudrehen und die Landefallhaltung einzunehmen. Dann schlägt man auch schon auf französischen Boden ein. Wer gut ist kann bei geringem Wind sogar stehend landen, da der Schirm eine Eigenfahrt von 4m/s vorwärts hat, dreht man sich nun gegen den 4m/s starken Wind ein fällt man senkrecht zu Boden uns steht. Aber so weit sind wir noch nicht.
Das Bergen des Schirm war sehr mühselig, man legt hier zwar auch den Schirm in Achterschlägen zusammen aber hat keine große Tragetasche um den Schirm aufzunehmen. Also stopft man wie wild den Schirm in den Verpackungssack und drischt darauf wie ein Bekloppter ein bis irgendwie die Klettverschlußnaht wieder schließt. Dann muß man sich im Laufschritt zum Sammelpunkt begeben, immer mit der Angst begleitet, daß die Verpackungshülle aufplatzt und der ganze Schirm sich wieder hinter einem verteilt (gesehen bei SU Moskalenko).
Am Sammelpunkt angekommen muß man einen Zettel der dem Schirm beiliegt ausfüllen um sein einwandfreies Funktionieren zu bestätigen.
Nach dem ersten Sprung hieß es erst einmal Dienstunterbrechung bis Mittwoch früh. Wir kauften uns natürlich gleich mehrere Zwölferpack “leckeres” Heineken-Bier um den ersten Abend des Jahres in kurzen Hosen bis abends um 23.30 im Freien zu verbringen.
Am Mittwoch morgen war ein Gepäcksprung mit dem französischen Gepäck angesagt. Das Umherlaufen mit diesem Gepäck ist wesentlich angenehmer als mit dem deutschen, da es nicht so tief vor den Knien hängt. Da auf unserem bekannten Absetzplatz zu viel Wind herrschte wurden unsere Piloten schnell auf einen anderen “gebrieft” um uns dort abzusetzen. Die war der bisher schlimmste Sprung meines kurzen Fallschirmjägerlebens. Noch nie zuvor hatte es mich so sehr beim Herausspringen zerrissen, mich drehte es nur um die eigene Achse ich sah nur “grün-blau, grün-blau” (Erde-Himmel). Plötzlich riß es meinen Schirm auf, so daß ich mit dem Kinn voll auf die Reserve aufschlug. Meine Dankbarkeit darüber, daß ich noch lebe fand ein rasches Ende als ich feststellte, “Unter mir ist nur Wald”. Also “slippte” ich nach rechts um weg zu kommen. Schon wieder verflog meine Dankbarkeit über die gewonnen Fahrt vom Wald weg als ich sah wie drei meiner Kameraden zusammen nahezu ungebremst zu Boden gingen und erst im letzten Moment die Reserve zogen, aber mehr dazu später. Ich konzentrierte mich auf das Ablassen meines Sprunggepäckes in der Höhe von ca. 100m, machte meine Landefallvorbereitungen bei 50m und schlug dann irgendwo auf einem ehemaligen Weizenfeld auf sammelte mich und suchte meinen Schirm zusammen und versuchte den uns unbekannten Sammelpunkt so schnell wie möglich zu erreichen. Auf dem Weg dorthin begegnete ich dem Gefreiten Stocker, der anscheinend die beste aller Landestellen gefunden hatte, er schlug voll in einem kleinen, matschigen Wasserloch ein. Dementsprechend sah er natürlich auch aus. Wie immer dauerte es selbstverständlich sehr lange bis man mal irgend etwas erfuhr, “Ja, ein Kamerad ist verletzt den anderen geht es gut”. Viel später, “der eine Kamerad ist in Krankenhaus gebracht worden aber es ist nicht schlimm”. Mit dieser Miserablen Informationsversorgung mußten wir bis Mittag leben als der Kamerad endlich aus dem Krankenhaus zurück kam. Er hatte sich mit einem Arm beim Absprung in der Aufziehleine verfangen, diese kugelte Ihm dann den Arm aus und er wurde unter dem Flugzeug durchgesogen zur anderen Seite und kam mit den Füßen in die Fangleinen des Schirms eines Kameraden. Zu deren Pech verfing sich auch noch ein dritter dort drin und somit nimmt sich jeder Schirm die Luft und man fährt “Fahrstuhl” aber abwärts. Im letzten Moment zogen sie ihre Reserven und schlugen in einem kleinen Wäldchen ein.

Am Nachmittag war die Verleihung durch den zuständigen Kommandeur, sie hatte wesentlich mehr festliches als die in Deutschland oder zu mindest kam es einem so vor. Im Hintergrund liefen Französische Fallschirmjägerlieder und jeder bekam an die zuvor auf die Brusttasche genähten Schlaufen von seinem Ausbilder das Abzeichen angesteckt. Das Besondere bei den Franzosen ist, daß das Springerabzeichen numeriert (meine Nr. 645 644) ist mit einer
fortlaufenden Zahl seit der erste diesen Lehrgang abgeschlossen hat, das erste Abzeichen ist in dem Fallschirmspringer Museum ausgestellt. Die alleine gibt einem ein besonderes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Personen.
Danach ging es gleich in die Flieger und wieder Richtung Deutschland, und somit auch zu dem verregneten Saarland. Der Lehrgang war ein Erlebnis für sich und jedem dem die Ehre zu teil wird einen solchen Lehrgang machen zu können sollte dies wahrnehmen es ist ein tolles Erlebnis und macht dazu auch noch Spaß.